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Heimat als Erfahrung und Entscheidung

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Der diesjährige Meeting Brno stellt ein Wort in den Mittelpunkt, das so lange unschuldig klingt, bis es in den Brüchen der Geschichte und der Gegenwart aufreißt: Heimat. Nicht als bloße Adresse, nicht als Eintrag im Melderegister, sondern als existenzielle Erfahrung – eine, die verloren gehen, neu gesucht, verteidigt oder einem anderen durch eine einzige Entscheidung geschenkt werden kann. Unter diesem Leitmotiv entfaltet sich das Programm des Festivals in Linien, die sich auf den ersten Blick kaum berühren würden und sich doch gegenseitig erhellen: in der Erinnerung der Stadt, in den Konflikten unserer Zeit und in den Geschichten jener, denen Heimat am schmerzlichsten fehlt.

Die deutsch-tschechische Perspektive ist in diesem Jahr besonders präsent. Sie beginnt leise – dort, wo Schweigen sein größtes Gewicht hat: am fünften Gleis des Brünner Bahnhofs. Die Gedenkbegegnung „Entschuldigung und Gebet am 5. Gleis“ verbindet die Bitte um Vergebung einer Delegation der Sudetendeutschen Landsmannschaft mit Gebet und stillem Gedenken gemeinsam mit Vertreterinnen und Vertretern der jüdischen Gemeinde. Zwei Tage später folgt der Versöhnungsmarsch von Pohořelice nach Brünn – ein symbolischer Weg entgegen der Richtung des Nachkriegsmarsches. Auch im einundzwanzigsten Jahr eröffnet er einen Raum für Begegnung, für das gemeinsame Gehen, für das Bewusstsein, dass sich manche Kapitel der Geschichte nur schließen lassen, indem man sie miteinander durchschreitet. In diesem Jahr endet der Marsch auf dem Brünner Messegelände im Rahmen des Treffens der Sudetendeutschen Landsmannschaft.

Dort wird ein Teil des Festivalprogramms in Kooperation mit diesem Treffen stattfinden. Am Samstag laden Michal Stehlík und Martin Groman zu ihrem Vortrag „Schreibt die Geschichte neu: Sudetendeutsche für Anfänger“ ein – ein Versuch, historische Narrative aufzubrechen und neu zu befragen. Am Sonntag folgen zwei Begegnungen, die zeigen, dass Versöhnung weder Schmerz noch Verantwortung negiert – und dass sie bisweilen dort beginnen kann, wo sie kaum möglich scheint. Zunächst spricht Eva Lustigová, Tochter des Schriftstellers Arnošt Lustig, über ihren persönlichen Weg zu „unseren Deutschen“. Anschließend widmet sich eine Begegnung mit Nicholas Winton und zwei der sogenannten Winton-Kinder dem Thema „Nicholas Winton und Heimat als Rettung“ – jener historischen Erfahrung, in der eine mutige Entscheidung für andere buchstäblich zur neuen Heimat wurde.

Im Zentrum des Jahrgangs steht die Einsicht, dass Vergangenheit keine abgeschlossene Epoche ist, sondern eine Erfahrung, die in veränderter Gestalt wiederkehrt. In der Diskussion „Wo ist unsere Heimat, wenn die Welt zerfällt?“ wird Wintons Vermächtnis mit einer Gegenwart verknüpft, die in der Heimat über Nacht zu einem unerreichbaren Wort werden kann. Neben Nicholas Winton kommen Menschen zu Wort, die während des Krieges in der Ukraine Kinder direkt in Butscha retteten. Ein weiterer Teil des Abends gehört Boris Belenkin und Irina Scherbakowa von der Organisation Memorial, Trägerin des Friedensnobelpreises 2022. Ihr Beitrag erinnert daran, dass Heimat nicht allein eine Frage der Identität ist, sondern eine des Mutes – und dass Solidarität kein sentimentales Gefühl, sondern eine bewusste Entscheidung darstellt.

Ein markanter programmatischer Knotenpunkt ist die Juristische Fakultät der Masaryk-Universität. Hier werden Themen verhandelt, die im tschechischen öffentlichen Raum häufig verkürzt oder instrumentalisiert erscheinen. Die Debatte „Die Beneš-Dekrete – lebendiger als lebendig?“ sucht nach Maß, nach historischem Kontext und nach dem Blick auf konkrete Lebensschicksale, damit aus einem historischen Begriff keine politische Waffe wird. Im Anschluss richtet „Verwildertes Land oder: Finde Heimat im Sudetenland“ den Blick auf das Grenzgebiet als Landschaft der Erinnerung und der Ungleichheiten, der Verluste und der Neuanfänge – und fragt, wie sich in einem Raum „nach jemandem“ Zugehörigkeit neu begründen lässt, ohne sie zur Legende oder zum Stigma zu verformen.

Zum Programm gehört auch ein Tag mit romapolitischer Perspektive. Er erinnert daran, dass Heimat stets auch eine Frage von Sichtbarkeit, Gleichberechtigung und Zugang zu Chancen ist. Ein Rundgang durch das heutige „Roma-Brünn“ und eine Führung durch das Museum der Roma-Kultur unter dem Titel „Die Geschichte der Roma“ führen in Erfahrungsräume, die allzu oft am Rand stehen. Im Zentrum steht die Diskussion „Segregiert das Brünner Schulwesen?“, die danach fragt, wie eine Stadt – häufig unsichtbar – über die Startbedingungen von Kindern entscheidet und was sich konkret verändern ließe. Den Abschluss bildet ein Konzert der Amare lavutara unter den Platanen – Musik als Ausdruck einer Heimat, die sich im Klang behauptet.

Eine starke und in diesem Jahr besonders notwendige Linie widmet sich Kindern ohne Zuhause – genauer: Kindern ohne Familie, ohne Verlässlichkeit, ohne jene Beziehung, die trägt. In der Arnold-Villa folgen zwei Diskussionen aufeinander: „Heimat als Chance“ stellt die italienische Gemeinschaft COMETA vor und zeigt, wie persönliches Engagement zu einem tragfähigen Unterstützungssystem für junge Menschen in schwierigen Lebenslagen werden kann. „Wenn Heimat fehlt“ spricht über Pflegefamilien, Adoption und einen Alltag, der nicht bei guter Absicht beginnt, sondern bei langfristiger Präsenz und Beharrlichkeit.

Weil manche Themen nicht nur gehört, sondern innerlich bewegt werden müssen, bietet das Festival auch intime, dialogische Formate an. Die partizipative Diskussion „Heimat in sich selbst“ fragt nach innerem Halt, Identität und Selbstmitgefühl. Der Workshop „Wo findet sich das stille Zuhause?“ – inspiriert von Johann Amos Comenius – richtet den Blick auf die Erfahrung von Ruhe inmitten der Unsicherheit. Und „Geschichte in der Gegenwart und in uns“ erkundet in geschütztem Austausch, wie familiäre und nachbarschaftliche Geschichten in uns fortleben – oft auch dann, wenn wir nicht von ihnen sprechen.

Zwischen diesen größeren thematischen Knoten gibt es schließlich einen Moment, der dem Festival eine wohltuende Schlichtheit verleiht: „Brünn an einem Tisch“ auf dem Mährischen Platz. Keine Podien, keine Schlagworte – nur die schlichte Erfahrung gemeinsam verbrachter Zeit. In einem Raum, in dem wir einander gewöhnlich übersehen, entsteht die Möglichkeit, ruhig, respektvoll und ohne Eile beisammen zu sein. Vielleicht beginnt gerade dort das Wesentliche. Denn alles beginnt mit einer Begegnung.