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Wo ist meine Heimat?

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Als ich 1993 eingeschult wurde, hing an der Wand ein Porträt von Václav Havel, und vor der Tafel stand eine Lehrerin – keine „Genossin“ mehr. Nordböhmen, eine Schule im Plattenbau, und in mir die ungeduldige Sehnsucht, alles zu wissen, mich als Erste zu melden. Zu den frühesten benoteten Leistungen, an die ich mich erinnere, gehört das Aufsagen der tschechischen Nationalhymne. Ich, sechs Jahre alt, wusste, wo meine Heimat ist. Den Namen der Fügnerova-Straße hatte ich schon im Kindergarten schreiben gelernt. Doch „Lučina“ war für mich nichts als ein Brotaufstrich auf trockenem Šumava-Brot, und das Rauschen der Wälder entzog sich hartnäckig meiner Vorstellung.

Dass wir die Hymne auswendig lernen und dafür die Bestnote erhalten, bedeutet noch nicht, dass wir begreifen, wovon sie spricht. Sonst wäre Heimat nicht bloß eine Adresse, nicht bloß vermessene Fläche, sondern ein Raum anderer Ordnung – einer, der sich nicht einzäunen lässt durch das Maß dessen, was ich besitze. Heimat ist ein Versprechen von Geborgenheit – und zugleich etwas, das sich dem Besitz entzieht. Sie ist ein offenes Herz, eine Hand, die sich ausstreckt.

Die Nation ist kein fertiges Gebilde. Sie ist weder Erbe noch Natur, weder Sprache noch Linie auf der Karte. Sie ist ein Verhältnis – lebendig, wandelbar, verletzlich. Eine Übereinkunft, die sich im Alltag bewähren muss, immer wieder neu. Nicht in großen Worten, sondern in den leisen Gesten: darin, wie wir sprechen, wie wir einander ansehen, wie wir einander gelten lassen.

Als ich begann, die Geschichte der Landschaft zu erkunden, in der ich geboren wurde, begriff ich, dass Heimat auch das Ungesagte bewahrt. Postoloprty. Ein Wald, den Kinder nicht betreten durften. Ein Ort, an dem nach dem Krieg Gräber zurückblieben – und ein Schweigen, das sich ausbreitete. Ein Schweigen, das weitergegeben wird. Denn was nicht ausgesprochen wird, vergeht nicht. Es verlagert sich – in Familien, in Beziehungen, in die Landschaft selbst – und wartet darauf, eine Stimme zu finden.

Aus dieser Erfahrung heraus ist das Festival Meeting Brno entstanden: aus der Frage, ob Erinnerung Brücken schlagen kann. Ob es möglich ist, den Weg in umgekehrter Richtung zu gehen – nicht gezwungen, sondern aus freiem Entschluss. Der jährliche Versöhnungsmarsch von Pohořelice nach Brno ist zu einem Bild dieses Weges geworden.

Schritt für Schritt. Im Schweigen und im Gespräch. Wir gehen über Orte, an denen sich Schuld verdichtet hat, und suchen nach Spuren dessen, was man vielleicht Gnade nennen könnte.

Denn Heimat ist nicht nur das, was uns gegeben wurde. Sie ist das, was wir zu tragen bereit sind. Auch die Last der Vergangenheit. Auch die Einsicht, dass Wahrheit nie ungeteilt ist. Auch die Bereitschaft, um Vergebung zu bitten – und zu vergeben.

Im Jahr 2015 wurde in Brünn ein langes Schweigen unterbrochen. Die Stadt bekannte sich öffentlich zu ihrer Mitverantwortung für die Vertreibung der deutschsprachigen Bevölkerung nach dem Zweiten Weltkrieg. Seitdem kehren wir Jahr für Jahr auf diesen Weg zurück – im Bewusstsein, dass Versöhnung kein Zeichen von Schwäche ist, sondern von Stärke. Dass Patriotismus nicht Abwehr bedeuten muss, sondern Verantwortung.

Lange glaubte ich, Heimat sei der Ort, an dem ich geboren wurde. Heute scheint sie mir eher ein Zustand: dort, wo es gelingt, Mensch zu bleiben. Wo wir unsere Geschichte tragen können, ohne uns hinter ihr zu verstecken und ohne uns über sie zu erheben. Wo wir aufhören zu fragen, wer dazugehört – und beginnen zu fragen, wofür wir einstehen.

Heimat ist keine Gegebenheit. Sie ist eine Entscheidung – täglich neu getroffen. Ein „Plebiszit des Herzens“, das sich nicht in Wahlkabinen vollzieht, sondern im Raum zwischen uns: darin, ob wir einander die Hand reichen, ob wir zuhören, ob wir bereit sind, ein Stück des Weges gemeinsam zu gehen.

Vielleicht erschließt sich uns erst dann, was wir als Kinder auswendig gelernt haben. Und vielleicht erkennen wir, dass die Frage „Wo ist meine Heimat?“ keine Frage des Gedächtnisses ist, sondern eine der Verantwortung.

Denn Heimat ist keine Antwort. Heimat ist ein Weg.

— Martina Viktorie Voborníková Kopecká