Lieber Bernhard,
im Manifest des diesjährigen Meetings für Völkerfreundschaft in Rimini stellt Ihr die Frage, wo sich heute jene Kraft zeigt, die die Wirklichkeit wieder in Bewegung bringt. Vom sudetendeutschen Pfingsttreffen in Brünn habe ich ein Staunen mitgenommen, das bis heute anhält. Und mit diesem Staunen ein Bild.
Eine ausgestreckte Hand
Ich stelle Eva Paddock und Bernd Posselt einander vor. Eva ist eine einundneunzigjährige Frau, die als jüdisches Mädchen in einem der Züge von Sir Nicholas Winton gerettet wurde. Bernd Posselt ist der Mann, der seit Jahrzehnten die Erinnerung der nach dem Zweiten Weltkrieg vertriebenen Sudetendeutschen verkörpert.
„Ich bin von der anderen Seite des Ozeans hergekommen, um Ihnen die Hand zu reichen“, sagte sie zu ihm.
In diesem Augenblick begegneten sich zwei Menschen, die für zwei große europäische Tragödien stehen. Nach der Logik des 20. Jahrhunderts hätten sie Gegner bleiben müssen. Für Posselt ist es der intensivste Moment des gesamten Meeting. Und Eva fügt hinzu:
„Ich glaube, gerade meine Generation muss mit gutem Beispiel vorangehen, wenn es darum geht, die Vergangenheit zu heilen, damit unsere Kinder, unsere Enkel und die künftigen Generationen ohne die Last der vererbten Traumata und des Hasses leben können.“
Die Wunde berühren
Diese Geschichte begann nicht erst mit dem diesjährigen Pfingstfest, und auch nicht mit der ersten Versöhnungswallfahrt vor elf Jahren.
In gewisser Weise reicht sie zurück bis ins Jahr 1943, als der tschechoslowakische Präsident Edvard Beneš nach Moskau reiste. Noch bevor der Krieg zu Ende war, sicherte er sich bei Stalin die Unterstützung für die Vertreibung von drei Millionen deutschsprachigen Einwohnern aus den tschechischen Gebieten in der Nachkriegszeit und legte gleichzeitig die geopolitische Ausrichtung der Nachkriegs-Tschechoslowakei fest.
Während der nationalsozialistischen Besatzung kamen hunderttausende tschechoslowakische Bürger ums Leben. Nach dem Krieg folgte die Vertreibung von drei Millionen Deutschen, bei der Zehntausende Menschen ihr Leben verloren. Damit entstand eine kulturelle und menschliche Kluft zwischen der Tschechoslowakei und ihren westlichen Nachbarländern. Wenige Jahre später senkte sich über diese Kluft der Eiserne Vorhang.
Zu den tragischsten Kapiteln zählt der sogenannte Brünner Todesmarsch vom Mai 1945: Etwa 30.000 Frauen, Kinder und Alte wurden gezwungen, die Stadt zu verlassen. Etwa 1.700 Menschen starben während des Marsches oder kurz danach.
Als wir im Mai 2015 erstmals den Pilgerweg der Versöhnung unternahmen, gingen wir den umgekehrten Weg wie die Vertriebenen. Vom Massengrab in Pohořelice in Richtung Brünn.
Es handelte sich weder um eine historische Rekonstruktion noch um den Versuch, die Geschichte umschreiben. Es ging um den Wunsch, eine jahrzehntelang tabuisierte Wunde zu berühren. Wir wollten wie Thomas im Gemälde von Caravaggio die Wunde berühren und im Staunen einen neuen Weg einschlagen.
Die Worte von Vaclav Havel über den Sieg der Wahrheit und der Liebe über Lüge und Hass sind für uns zur Erfahrung geworden.
Aus dieser Erfahrung ist das Meeting Brno entstanden.
Eine Schönheit, die anzieht
Ich erinnere mich an einen Anruf von Kateřina Tučková im August 2015, als ich gerade auf dem Rückweg von Rimini und dem dortigen Meeting für Völkerfreundschaft war. Sie fragte mich, ob mir eine Möglichkeit einfiele, den Geist der Versöhnung, den wir am Ende des Pilgerweges wahrgenommen hatten, dauerhaft in ihrer Stadt gegenwärtig zu machen.
Ich musste nichts erfinden. Ich erzählte ihr einfach vom Meeting in Rimini.
So entstand das Meeting Brno: Nicht als Projekt, sondern als Wunsch, das zu bewahren und weiter wachsen zu lassen, was wir gemeinsam erlebt hatten.
Ein Jahr später tauchte diese Geschichte ganz unerwartet genau beim Meeting Rimini wieder auf. Beim Podiumsgespräch mit dem Titel „Die Geschichte des Meetings Brno: Ein Weg der Versöhnung“ stellten wir die Beziehungen zwischen Tschechen und Sudetendeutschen als Beispiel der Freundschaft zwischen den Völkern Mitteleuropas vor.
Seitdem erinnert Bernd Posselt oft daran, dass dort erstmals in einem internationalen Kontext das Verhältnis zwischen Tschechen und Sudetendeutschen nicht als offener Konflikt beschrieben wurde, sondern als eine Erfahrung der Versöhnung, die anderen als Vorbild dienen kann.
Jedes Jahr brachte neue Gesichter und neue Geschichten mit sich. Wael Farouq. Emilia Guarnieri. 120 Nachfahren zweier jüdischer Familien aus Brünn, die über die ganze Welt verstreut sind. Du selbst, Bernhard Scholz. Die Staatspräsidenten der Slovakei und Tschechiens. Rami Elhanan e Bassam Aramin, ein israelischer und ein palästinensischer Vater, die die eigenen Kinder im Konflikt verloren haben und dennoch den Hass ablehnen. Oleksandra Matvijčuk, die die russischen Kriegsverbrechen in der Ukraine dokumentiert. Boris Belenkin von der Vereinigung Memorial in Moskau, der die geschichtliche Wahrheit über den sowjetischen Terror benennt und dafür Verfolgung in Kauf nimmt.
Jede anerkannte und geteilte Wunde eröffnet neue Horizonte und lässt uns eine Schönheit erfahren, die anzieht und einen Weg weist.
In diesem Jahr haben wir gesehen, wie weit uns dieser Weg führen kann.
Wer wollen wir sein?
Als wir 2025 den Sudetendeutschen Tag nach Brünn einluden, schien dies nur ein weiterer Schritt auf dem langen Weg der Versöhnung zwischen Tschechen und Deutschen zu sein. In Wirklichkeit hat sich etwas viel Größeres eröffnet.
Ein Thema, das jahrzehntelang an den Rand der öffentlichen Debatte gedrängt worden war, rückte plötzlich in deren Zentrum.
Lange Zeit gab es in der tschechischen Republik ein ungeschriebenes Tabu: Über die Sudetendeutschen wurde nicht positiv gesprochen. Wer Verständnis oder Nähe bekundete, ging das Risiko ein, Wahlen zu verlieren und seine politische Karriere zu ruinieren. Als schwerwiegendstes Vergehen galt die Teilnahme am jährlichen Pfingsttreffen der Sudetendeutschen in Bayern.
Gerade deshalb war die offene Unterstützung, die in diesem Jahr von zahlreichen Vertretern der Institutionen zum Ausdruck gebracht wurde, so überraschend. Es waren keine lediglich formalen Absichtserklärungen. Es ging um persönliche Präsenz.
Plötzlich mischten sich Politiker, Journalisten, Historiker, Aktivisten und Kommentatoren in die öffentliche Debate ein. Darüber hinaus auch Menschen, die bis dahin noch nie ernsthaft über die sudetendeutsche Frage nachgedacht hatten. Ängste, Klischees und alte Wunden kamen wieder zum Vorschein.
Die parlamentarische Mehrheit im Abgeordnetenhaus berief eine Sondersitzung ein und verabschiedete eine Resolution, die unsere Initiative verurteilte. Sie forderte, die Vorbereitungen abzubrechen. Es gab auch Gewalt- und Morddrohungen.
Gleichzeitig jedoch bekundeten der Staatspräsident, der Senatspräsident, zahlreiche Senatoren und alle Oppositionsparteien ihre Unterstützung.
Doch es geschah etwas noch Wichtigeres. Die Menschen hörten auf, nur Zuschauer zu sein. Die Zivilgesellschaft begann zu erwachen.
Die Stadt Brünn. Die Region Südmähren. Die Kultur- und Bildungseinrichtungen. Die Kirchen. Die Ehrenamtlichen. Die Unternehmer. Menschen, die beschlossen hatten, Verantwortung für den Ort zu übernehmen, an dem sie leben.
Jan Urban schrieb, es handele sich um einen Aufstand der Zivilgesellschaft gegen die langjährige Unfähigkeit der politischen Eliten, einen echten Dialog herzustellen. Erik Tabery wies in der Wochenzeitung „Respekt“ auf ein bedeutendes Paradoxon hin: Während ein Teil der politischen Vertreter enorme Energie darauf verwendete, das Ereignis zu verurteilen, schuf die Zivilgesellschaft spontan einen Raum der Begegnung und des Dialogs.
Gerade dieser Gegensatz trug dazu bei, deutlich zu machen, was wirklich auf dem Spiel stand.
Jana Urbanovská und James Richter haben sehr treffend festgestellt, dass es dabei nicht in erster Linie um die Sudetendeutschen ging. Es ging darum, welche Art von Gesellschaft wir sein wollen.
Auch Leo XIV. stellt in der Enzyklika „Magnifica humanitas“ der heutigen Zivilisation eine ähnliche Frage: Welche Zukunft bauen wir auf?
In Brünn ging es nicht nur um die Vergangenheit. Es ging um unser Verhältnis zur Wahrheit. Um die Art und Weise, wie wir unsere Identität verstehen. Um die Art und Weise, wie wir das Leid anderer betrachten. Und um unsere Fähigkeit, die Zukunft nicht gegen jemanden, sondern gemeinsam zu gestalten.
Das Pfingstfest in Brünn war nicht nur ein Kapitel in den tschechisch-deutschen Beziehungen. Es wurde zu einer Bewährungsprobe: Ist Europa noch fähig, seine Wunden in einen Neubeginn zu verwandeln?
Geschichte in der Gegenwart
Auf dem Mährischen Platz war ein langer gemeinschaftlicher Tisch aufgestellt. Auf den ersten Blick geschah nichts Außergewöhnliches. Die Leute aßen miteinander, tranken, lachten, hörten Musik, tanzten und erzählten sich gegenseitig ihre Geschichten.
Doch genau darin lag die Kraft des Ereignisses.
Nach jahrzehntelangen Auseinandersetzungen um Geschichte, Schuld, Rechte und Identitäten, saßen plötzlich Menschen nebeneinander, die sich unter anderen Umständen vielleicht nie begegnet wären. Tschechen und Deutsche, aber auch viele andere. Nachfahren von Opfern des Nationalsozialismus und Nachfahren von Vertriebenen. Studenten, Alte, Politiker, Priester, Familien mit Kindern.
Die Vergangenheit war nicht verschwunden. Sie saß mit uns am selben Tisch. Aber sie war keine Mauer mehr.
Am Rande des Platzes standen auch diejenigen, die gekommen waren, um zu protestieren. Sie hatten jedes Recht dazu. Ihre Anwesenheit war wichtig. Sie konnten dieselben Geschichten hören und alles mit eigenen Augen sehen. Sie sahen weder eine Verschwörung gegen die Nation noch einen Versuch, die Geschichte umzuschreiben. Sie sahen Gesichter, Geschichten, Menschen, die am selben Tisch saßen.
Auf jeden Einwand antwortete ich einfach: „Kommt und seht.“
Wir haben uns nicht in die Logik der Feindseligkeit hineinziehen lassen. Am Ende des Programms habe ich mich auch öffentlich bei den Gegnern bedankt. Nicht aus diplomatischer Höflichkeit, sondern weil auch sie Teil derselben Erfahrung waren. Auch sie haben dazu beigetragen, ans Licht zu bringen, was wirklich geschah.
Etwas wurde immer deutlicher, das sehr schwer zu planen und noch schwieriger zu organisieren ist: ein Ereignis.
140 akkreditierte Journalisten aus verschiedenen Ländern kamen, um von dem Ereignis zu berichten, und reisten mit einer persönlichen Erfahrung wieder ab. Nach den Interviews legten sie Mikrofone und Kameras beiseite und begannen, ihre eigenen Geschichten zu erzählen. Einige sprachen über ihre Familien. Andere über ihre unter totalitären Regimes gemachten Erfahrungen. Wieder andere über ihre Überraschung angesichts dessen, was sie in Brünn sahen.
Die Grenze zwischen Beobachtern und Teilnehmern löste sich auf. Doch auch außerhalb der Medienwelt begann sich etwas zu tun.
Viele Menschen schrieben uns, dass sie zum ersten Mal seit vielen Jahren begonnen hatten, ihre Eltern und Großeltern nach Geschichten über den Krieg, die Vertreibung, den kommunistischen Totalitarismus oder das Leben in den Grenzregionen zu fragen. Großeltern und Urgroßeltern erzählten ihren Kindern und Enkeln, was sie erlebt hatten.
Themen, die jahrzehntelang verdrängt oder verschwiegen worden waren, wurden Thema in den Familiengesprächen. Die Erinnerung erwachte. Geschichten kamen ans Licht, die über Generationen hinweg im Schweigen verborgen geblieben waren. Das betraf auch die Familien der Mitwirkenden in unserem Team.
Ähnliches geschah auch in der Politik. Viele gingen mit dieser Erfahrung vorsichtig um. Das Thema war heikel, die öffentliche Debatte sehr hitzig, und niemand konnte wissen, wie dieses Wochenende ausgehen würde.
Je näher die Veranstaltung rückte, desto deutlicher wurde, dass hier etwas geschah, das über das übliche politische Kalkül hinausging.
Ich erinnere mich an das Gesicht des Gouverneurs von Südmähren, Jan Grolich, als er sagte, dass es einer kleinen Gruppe von Menschen gelungen sei, einen Raum zu schaffen, in dem eine Gesellschaft lernt, mit sich selbst ins Gespräch zu kommen.
Ich erinnere mich an die persönliche und bewegende Unterstützung der Bürgermeisterin Markéta Vaňková.
Ich erinnere mich an den Appell des Senatspräsidenten Miloš Vystrčil vor fast fünftausend Pilgern der Versöhnung: Eine Erfahrung wie die des „Meeting Brno“ würde jeder Stadt in der Tschechischen Republik gut tun.
Vielleicht zeigte sich gerade hier am deutlichsten die pfingstliche Dimension des gesamten Ereignisses.
Jahrelang war es aus politischer Sicht sicherer gewesen, zu schweigen. Umso überraschender war es, Politiker zu sehen, die bis kurz davor noch gezögert hatten und nun doch kamen, zuhörten und öffentlich das benannten, was sie vor Augen hatten.
Und einige haben begonnen, diese Erfahrung auch anderen vorzuschlagen.
Im Manifest des diesjährigen Meetings in Rimini fragt ihr euch, ob eine Politik und eine Wirtschaft, die von der Logik des Schenkens inspiriert sind, wieder dem Gemeinwohl dienen können.
In Brünn konnten wir eine Antwort darauf sehen.
Neben der kulturellen und spirituellen Dimension ist ein Raum für neue Beziehungen zwischen mährischen und bayerischen Städten, Regionen, Universitäten, Unternehmern und Institutionen entstanden.
Der bayerische Ministerpräsident Markus Söder war in Brünn zu Gast. Es nahmen Vertreter der Kommunalverwaltungen, der Universitäten, der Handelskammern und der Innovationszentren teil.
Es handelte sich nicht um ein Rahmenprogramm. Es war eine weitere Dimension des Ereignisses. Versöhnung ist kein Gefühl. Sie schafft Vertrauen.
Und Vertrauen eröffnet neue Formen der Zusammenarbeit: nicht nur zwischen Menschen, sondern auch zwischen Regionen, Institutionen und Völkern. In diesem Sinne war der Sudetendeutsche Tag nicht nur eine Gedenkveranstaltung. Er wurde zu einer Investition in die Zukunft.
Die bayerische Vizeministerpräsidentin Ulrike Scharf sagte bei ihrer Rückkehr nach Deutschland, sie habe in Brünn „Geschichte in der Gegenwart“ erlebt.
Für Bernd Posselt, der seit über vierzig Jahren eine der zentralen Figuren auf dem Weg der Versöhnung zwischen Tschechen und Sudetendeutschen ist, bedeutete dieses Pfingsten die Erfüllung eines Lebenstraums.
Und der Prager Fotograf Eugen Kukla schrieb: „Ich begreife es langsam, aber gerade deshalb umso stärker: In Brünn war ich Zeuge eines Ereignisses, das für Mitteleuropa von grundlegender Bedeutung ist. Ein Ereignis, dessen Tragweite sich über Jahrhunderte auswirkt.“
Für einige Tage erschien die Vergangenheit nicht mehr wie eine Last, die uns runterzieht. Sie wurde zu einer Energiequelle für einen Neuanfang. Deshalb haben uns so viele Menschen geschrieben, dass sie Brünn voller Dankbarkeit verlassen haben.
Eine Werkstatt der Zukunft
Unter den Gästen des diesjährigen „Meeting Brno“ befanden sich auch Menschen aus der Ukraine. Sie waren nicht gekommen, um tschechische oder deutsche Geschichte zu studieren. Sie kamen aus einem Land, das täglich mit Krieg, Besatzung, Massakern an Zivilisten und Fragen konfrontiert ist, auf die es keine einfachen Antworten gibt.
Es kamen Elena Mazzola und der „Engel von Butscha“, Konstantin Gudauskas – moderne Wintons, vereint durch die Rettungsarbeit für vom Krieg betroffene Menschen und durch dieselbe Frage, die die Ukraine seit den ersten Tagen der russischen Invasion begleitet:
Wie kann man während und nach dem Krieg die Menschlichkeit bewahren? Wie kann man das Herz vor Hass schützen?
Für sie waren die Versöhnungswallfahrt und der Sudetendeutsche Tag kein historischer Ausflug. Sie wurden zu einer Werkstatt der Zukunft.
Sie beobachteten eine Gesellschaft, die lernt, über ihre eigene Schuld zu sprechen, ohne dabei ihre Würde zu verlieren. Eine Gesellschaft, die fähig ist, um ihre Toten zu trauern, ohne die Fähigkeit zu verlieren, das Leid anderer zu sehen. Eine Gesellschaft, in der die Erinnerung nicht zur Waffe wird, sondern zu einem Weg.
Mehrfach wurde in jenen Tagen gesagt, dass die Ukraine eines Tages vor denselben Fragen stehen wird, mit denen sich Europa nach 1945 auseinandersetzen musste.
Wie geht man mit dem Schmerz um? Wie benennt man die Verbrechen? Wie stellt man die Gerechtigkeit wieder her? Wie verhindert man, dass berechtigte Wut in Rache und neue Ungerechtigkeit umschlägt?
„Der größte Sieg des Angreifers wäre nicht die Besetzung eines weiteren Gebiets, sondern der Moment, in dem das Opfer die Logik des Angreifers akzeptiert und zulässt, dass das eigene Herz vom Hass vergiftet wird“, erinnerte uns Elena. Wie die tschechischen Dissidenten in den kommunistischen Gefängnissen sagten: Ihr könnt mich zerstören, aber ihr könnt mich nicht zwingen, euch zu hassen.
Nick Winton, der Sohn von Sir Nicholas Winton, schrieb, dass Vergebung nicht bedeutet, die Schuld zu leugnen. Sie bedeutet, die Realität zu akzeptieren und sich zu entscheiden, weiterzumachen. Es ist schwer, sich eine treffendere Beschreibung dessen vorzustellen, was in Brünn geschehen ist.
Es ging um die Freiheit eines Menschen, der sich nicht von seiner Verwundung definieren lässt.
Ein ähnlicher Ton schwingt auch in den Worten des neuen Prager Erzbischofs Stanislav Přibyl mit, der in diesem Jahr in seiner Diözese ein Jahr der Versöhnung ausgerufen hat. In seinen Ansprachen an den Orten der Nachkriegsmassaker erinnert er oft daran, dass alte Wunden wieder aufgerissen werden müssen, um heilen zu können, und dass wir, anstatt Mauern zu errichten, Brücken bauen müssen.
Die Kraft einer Stimme
Versöhnung betrifft nicht nur die Vergangenheit. Sie betrifft auch die Wahrheit.
Und genau hier trifft die Erfahrung von Brünn ganz natürlich auf das Erbe der Charta 77, kurz vor dem 50. Jahrestag ihrer Entstehung und des Todes von Jan Patočka.
Die Charta 77 war nicht in erster Linie ein Protest gegen das Regime. Sie war der Versuch, die Wahrheit wieder in den öffentlichen Raum zu bringen. Deshalb sind ihre Fragen auch heute noch aktuell.
Für Patočka war die Verantwortung eines Menschen entscheidend, der sich weigert, sich mit der Lüge abzufinden, und bereit ist, die Konsequenzen der Wahrheit zu ertragen. Die Stärke jener kleinen Gruppe von Dissidenten, der es gelang, zu einer ganzen Gesellschaft zu sprechen, bestand in dem Mut, die Dinge beim Namen zu nennen.
Das Meeting Brno 2027 wird den Titel „Die Kraft einer Stimme“ tragen.
Was muss heute gesagt werden? Welche Wunden haben wir gelernt zu umgehen? Welche Lügen haben wir als selbstverständlich hingenommen? Was ist so real und so schön, dass es das Risiko der Wahrheit wert ist? Und was gibt uns den Mut, der Realität ohne Angst ins Auge zu sehen?
Diese Fragen betreffen ganz Europa, ja sogar den gesamten Westen.
Wir haben uns an Frieden, Sicherheit und wachsenden Wohlstand gewöhnt. Heute sehen wir uns erneut mit Krieg an unseren Grenzen, der Rückkehr imperialer Ambitionen, der Vertrauenskrise in demokratische Institutionen und der Versuchung konfrontiert, uns in unseren Ängsten und Ressentiments zu verschließen.
Jan Urban, einer der Unterzeichner der Charta 77, betont oft, dass keine der großen Krisen unserer Zeit auf nationaler Ebene gelöst werden kann. Europa muss lernen, europäisch zu denken und zu handeln. Nicht als technokratisches Projekt. Nicht als System von Institutionen. Sondern als Gemeinschaft von Menschen, die Verantwortung für die Welt übernehmen, in der sie leben.
In der Enzyklika „Magnifica humanitas“ schreibt Leo XIV., dass die Menschheit heute vor der Wahl steht zwischen einem neuen Turm zu Babel und einer Stadt, in der Gott und die Menschen zusammenleben können. Mit anderen Worten: zwischen einer Welt, in der die Menschen nebeneinander leben, ohne sich mehr zu verstehen, und einer Welt, in der Unterschiede keine Mauer sind, sondern der Beginn einer Beziehung.
In diesem Sinne erscheint mir das Pfingsttreffen von Brünn als ein Ereignis von europäischer Bedeutung. Es hat gezeigt, dass die Zivilgesellschaft noch immer in der Lage ist, Wege zu eröffnen, wo es scheinbar nur Sackgassen gab. Dass die Begegnung stärker ist als das Klischee. Dass die Wahrheit nicht zwangsläufig zur Spaltung führen muss. Und dass Versöhnung keine Schwäche ist, sondern eine der höchsten Formen des Mutes.
Von der Wirklichkeit überrascht
Die Kraft einer Stimme erinnert an die Gestalt Johannes des Täufers. Er erklärte sich nicht zum Licht. Er trat nicht als Retter auf. Er sagte lediglich, er sei eine Stimme. Eine Stimme, die in der Wüste ruft. Eine Stimme, die den Weg bereitet.
Der wahre Protagonist der Geschichte ist nicht derjenige, der manipuliert oder beherrscht. Protagonist ist der Mensch, der bereit ist, auf die Wirklichkeit zu antworten, die ihm entgegenkommt. Protagonist ist der Mensch, der sich von der Wahrheit herausfordern lässt, der Verantwortung für sein kleines Stück Welt übernimmt und der staunt, wenn etwas geschieht, was nicht vorhersehbar war.
„Hören wir einander zu, stellen wir uns mutig den Herausforderungen der Gegenwart und arbeiten wir gemeinsam am Aufbau einer menschlicheren und brüderlicheren Gesellschaft“, lädt uns Leo XIV. ein.
Das Manifest des „Festivals des Staunens“ des Meetings von Rimini 2026 schließt mit diesen Worten:
„Wo zeigt sich heute diese Kraft, die bewegt? An den unerwartetsten Orten: (…) im Einfallsreichtum derer, die Schönheit schaffen, wo Verfall herrscht; (…) in der Kühnheit zu glauben, dass der Feind wieder zum Freund werden kann und dass scheinbar festgefahrene Beziehungen wieder in Gang kommen können. Nicht Sentimentalität, sondern Lebenszeugnisse und konkrete Erfahrungen, in denen sich die Liebe als die Energie offenbart, die das, was tot schien, wieder in Bewegung bringt.
Das Meeting 2026 will prüfen, ob diese Kraft wirklich der Schlüssel ist, um die Wirklichkeit zu verstehen und sie in Fülle zu leben. Eine Liebe, die Unterschiede nicht auslöscht, sondern sie miteinander tanzen lässt. Eine Liebe, die nicht lähmt, sondern zur Bewegung anregt. Eine Liebe, die uns aus uns selbst herausführt, um unser wahrstes und größtes Ich wiederzufinden. Eine Kraft, die jeden von uns in Bewegung setzen und durch unser Handeln eine Welt wieder auf den Weg bringen kann, die stillgestanden zu haben scheint.“
Lieber Bernhard, ich könnte das Pfingsten des Sudetendeutschen Tages beim Meeting in Brünn nicht treffender beschreiben. Wir haben diese Kraft erlebt. Menschen, die durch die Geschichte getrennt waren, sind durch die Begegnung zu Pilgern der Versöhnung geworden. Einstmalige Gegner haben entdeckt, dass sie sich nahe stehen und Freunde sind. Und diejenigen, die bis gestern Angst hatten zu sprechen, sind gekommen, haben gesehen und haben begonnen, andere zu derselben Erfahrung einzuladen.
Die Geschichte ist wieder in Bewegung gekommen. Und mit ihr unser Staunen.
Bis bald in Rimini!
David Macek










